Die Bundesanwaltschaft sieht „gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund“, der AfD-Sprecher Jörg Meuthen spricht von der „wahnhaften Tat eines Irren“. Nach dem Anschlag auf Shisha-Cafés im hessischen Hanau, bei dem am Mittwochabend neun Menschen starben, läuft der Kampf um die Deutungshoheit auf Hochtouren.
Er beruht auf Dokumenten und Videos, die zuvor im Netz veröffentlicht wurden, über eine inzwischen abgeschaltete Website, die unter dem Namen des 43-Jährigen betrieben wurde. Die Ermittler:innen gehen wohl davon aus, dass er sie selbst erstellt hat.
Die Dateien liegen netzpolitik.org vor, wie auch eine Strafanzeige, die der Mann einem E‑Mail-Verkehr zufolge im November an den Generalbundesanwalt geschickt haben will.*
Die Gesellschaft entzieht sich ihrer Verantwortung
Sie zeichnen das Bild eines Mannes, der offenbar Probleme hatte. Demnach glaubte der Verfasser, Geheimdienste hätten ihn Jahrzehntelang überwacht. Er habe etwa mit unsichtbaren Menschen gesprochen, jemand habe ihm im Traum Botschaften überbracht, seine Gedanken gelesen.
Der Gewaltforscher Nils Böckler sieht Hinweise darauf, dass der mutmaßliche Täter unter paranoiden Wahnvorstellungen litt. Er arbeitet am Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement, hat über Amokläufer geschrieben und beschäftigt sich mit Extremisten. „Es ist problematisch, eine Entweder-Oder-Debatte zu führen: entweder psychisch krank oder politisch radikalisiert. Beides liegt im Fall Hanau offenkundig vor.“
Böckler sieht darin ein Muster: Werde eine Tat als die eines psychisch Kranken abgestempelt, falle es der Gesellschaft leichter, danach wieder zum Alltag zurückzukehren. „Man vergisst aber, dass solche Taten niemals im luftleeren Raum stattfinden.“
Die Tat eines Rassisten
Noch in der Tatnacht fand die Polizei den 43-Jährigen und seine Mutter in der eigenen Wohnung, beide waren tot. Für AfD-Politiker Meuthen scheint die Sache schon am darauffolgenden Tag erledigt. „Jede Form politischer Instrumentalisierung dieser schrecklichen Tat ist ein zynischer Fehlgriff“, twittert der Chef einer Partei, die dazu neigt, Verbrechen muslimischer Täter zu politisieren.
Unter den Opfern des Anschlags sind mehrere Kurden. Der Soziologin Veronika Kracher zufolge zieht sich Rassismus als Hauptmotiv durch das Schreiben des mutmaßlichen Täters. „Da ist einerseits die geäußerte Vernichtungsfantasie gegenüber Nicht-Weißen und Juden; die in dem Traum einer Welt kumuliert, die ‚gesäubert‘ werden muss.“
Im Detail werden 24 Länder und Regionen aufgelistet, die dem Verfasser nach vernichtet werden sollen, darunter die Türkei und der Irak, auch Israel. Er schreibt von „Säuberungen“ und „Reinrassigkeit“. „Im besten Nazisprech deklariert er seine Taten als einen ‚Krieg gegen die Degeneration des Volkes‘“, so Kracher. Dabei bemühe er den Mythos des sogenannten „Großen Austauschs“, einer Ideologie der Neuen Rechten.
Die Abgründe einer rechten Ideologie
Zudem schien der 43-Jährige noch weiteren Verschwörungsmythen anzuhängen, die in rechten Kreisen verbreitet sind. Offenbar hat sich der Verfasser der Schriften selbst als Auslöser für den Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 gesehen.
„Dieser wird nicht als antisemitischer und antiamerikanischer Terroranschlag von Islamisten begriffen, sondern als ‚False Flag‘-Aktion einer geheimen Elite, die als antisemitische Chiffre auf eine jüdisch konnotierte Weltverschwörung zu erkennen ist“, so Kracher.
In einem der Videos warnt der mutmaßliche Täter selbst vor geheimen Militärbasen in den USA, in denen der Teufel angebetet und Kinder getötet würden – einer Darstellung, die an QAnon erinnert, eine Art amerikanische Superverschwörungstheorie. Ihren Ursprung hat sie im Netz, der unbekannte Kopf der Bewegung teilt seine Botschaften in Imageboards, von dort finden sie ihren Weg in die Welt.
Verschwörungsmythen haben Folgen
Auf der Website des mutmaßlichen Täters waren noch weitere Internetportale und YouTube-Videos aufgelistet, die sich mit den vermeintlichen Machenschaften finsterer Mächte beschäftigten.
„Jeder, der solche Inhalte verbreitet, trägt eine Mitverantwortung“, sagt der Gewaltforscher Böckler. Aus den Veröffentlichungen, die dem mutmaßlichen Täter zugeschrieben werden, könne man sehen, dass dieser ein Wahnsystem aufgebaut habe. Problematisch werde dies vor allem, wenn es in einem aufgeheizten Gesellschaftsklima passiere, in der Bedrohungen inszeniert würden. Wie in dieser Zeit des erstarkenden Rechtsextremismus.
„Es ist immer eine reale Gefahr, wenn ein Mensch, der in seinem Privatleben wahrscheinlich in einer Sackgasse feststeckt und in seiner psychischen Verfassung ansprechbar ist für bestimmte gewaltlegitimierende Erklärungsmuster, dass er dann auch entsprechend dieser Erklärungsmuster handelt“, so Böckler.
Ein Terroranschlag, ein Amoklauf – oder beides?
Es ist nicht das erste Mal, dass in Deutschland darüber diskutiert wird, ob ein Anschlag aufgrund von psychischen Problemen verübt wurde oder dies aus rechtsextremistischen Motiven geschah.
2016 hatte ein 18-Jähriger am Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen getötet, die meisten von ihnen Nicht-Weiße. Die bayerischen Sicherheitsbehörden werteten den Fall zunächst als reinen Amoklauf. Bis das Landeskriminalamt ihn als das Attentat eines Rechtsextremisten einstufte, vergingen mehr als drei Jahre.
So weit wird es diesmal wohl nicht kommen. „Die Tat in Hanau ist eindeutig ein terroristisch motivierter Amoklauf“, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer an diesem Freitag. „Seit dem NSU und dem Amoklauf in München zieht sich eine rechte Blutspur durch unser Land.“
…
* Wir veröffentlichen Dokumente im Volltext, wann immer es möglich ist. In diesem Fall haben wir uns dagegen entschieden, da wir die Botschaft des mutmaßlichen Täters nicht ohne eine journalistische Einordnung weiterverbreiten wollen.
